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Geleitwort
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Johannes Brahms - Ein deutsches Requiem

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„Den Menschen“ – diesen Titel hatte Brahms für sein Requiem ursprünglich erwogen. In seiner sprichwörtlichen Bescheidenheit hat er es bei „Ein deutsches Requiem“ bewenden lassen, obgleich ahnend, damit ein epochales Werk zu schaffen.

Zu seiner kompositorischen Arbeit sagte Brahms: “Es gibt kein künstlerisches Schaffen ohne Arbeit. Das, was man eigentlich Erfindung nennt, als ein wirklicher Gedanke, ist sozusagen höhere Eingebung, Inspiration, das heisst: dafür kann ich nichts. – Von diesem Moment an kann ich dies ‚Geschenk’ gar nicht genug verachten: ich muss es durch unaufhörliche Arbeit zu meinem rechtmässigen, wohlerworbenen Eigentum machen“*.

„Deutsch“ sind in diesem Werk die Worte, die Brahms aus dem Alten und Neuen Testament sorgfältig auswählte. Die Lutherbibel schlug er nach  eigenen Angaben täglich auf, doch war er in mehr als einer Hinsicht ein skeptischer Leser. Nicht als vom Verstand analysierbare Glaubenssätze wollte Brahms die ausgesuchten Texte gehört haben. „Requiem“ versteht Brahms nicht im Sinne der Liturgie der lateinischen Totenmesse, welche die Fürbitte für das Ergehen der Verstorbenen im Jüngsten Gericht  und Rettung durch Christi Opfertod beinhaltet. Die Worte – mehr noch ihre Bedeutung – sollen unmittelbar das Innerste des Menschen berühren. Das Werk soll nicht „bekennend“ sein, sondern das Leiden an der Vergänglichkeit des Daseins direkt tragen helfen, Trost spenden für die trauernden Hinterbliebenen, die noch keine feste Ruhestatt gefunden haben. Brahms’ Meisterschaft darin, die „letzten Dinge“ auf künstlerische Weise zu behandeln, offenbart sich in diesem Meisterwerk auf allen Ebenen gleichermassen. „Jeder Tonschritt, jede musikalische Geste, jede Melodielinie eröffnet sofort den Sinn einer Textstelle, ja eines einzigen Wortes. Da sind ‚Begleitstimmen’ nicht untergeordnet, sondern ihrerseits Träger von anderen, weiteren Deutungsmöglichkeiten. Da hat die weiträumige Melodik über den Zeitstil hinaus sinngebende Bedeutung. Am meisten aber fällt wohl die enorme formale Kraft auf, ein starker Hang zur Dreiteiligkeit und Symmetrie, der Wille, nicht nur jeden einzelnen Satz sondern das ganze Werk mit einer formalen Klammer zusammenzuhalten.“ (Michael Eidenbenz)

 Die Idee einer grossen Trauermusik trug Brahms wahrscheinlich seit dem tragischen Tod seines Freundes und Mentors Robert Schumann im Jahre 1856 mit sich herum.Fünf Jahre danach notierte er den Text zu den Sätzen I bis IV und schrieb die Musik für Satz I und bis auf  die Coda von Satz II. Erst nach dem Tod seiner Mutter im Februar 1865 nahm er das Requiem wieder hervor, fand Trost in der Kompositionsarbeit des IV. Satzes. Anfang 1866 entschloss er sich, das Werk fertig zustellen. Von Anfang  Juni bis Mitte August wohnte er für 10 Wochen an der Toblerstrasse in Zürich-Fluntern, wo er das Gesamtkonzept und die Musik der beiden letzten Sätze VI und VII vollendete. Trotz des gleichzeitg ausgebrochenen Krieges zwischen Preussen und Oesterreich scheint dies eine für Brahms „behagliche“ Zeit gewesen zu sein, beschrieben in einer in der NZZ vom 10. 10.1956 veröffentlichten Reminiszenz:

  „Brahms war ein Frühaufsteher. Schon um fünf Uhr sass er am Schreibtisch, den er meist bis gegen zehn Uhr nicht mehr verliess. Dann spazierte er nach früh vollendetem Tagewerk zur Stadt hinunter, wo er gegen zwölf Uhr im „Museum“ erschien. Nachdem er die Zeitungen gelesen, ging er mit Kirchner (Organist und Dirigent) zu Tisch. Weite Spaziergänge füllten den Nachmittag aus, und am Abend traf er sich mit seinen Freunden zu einem ausgedehnten Nachtschoppen oder zu musikalischer Unterhaltung.“........“Zuweilen war ihm dann der Weg auf die Höhen des Zürichberges zu weit; dann übernachtet er bei Kirchner oder bei Hegar (Dirigent der Tonhallegesellschaft) ... auf dem Sofa, oder, wenn dieses bereits besetzt war, auf dem Fussboden unter dem Flügel.“*

Im Oktober 1866 notierte er das Requiem im Werkverzeichnis als vollendet, obwohl er sich schon damals mit dem Gedanken trug, einen fünften Satz einzuschieben. Am Karfreitag 1868 erfolgte im Dom zu Bremen die Uraufführung ohne diesen Satz, unter der Stabführung von Brahms selbst. Das Werk wurde von befreundeten Musikern, Kritikern und dem Laienpublikum (2500 füllten den Dom, die meisten von Ihnen mit Brahms und seiner Musik kaum bekannt) begeistert und ergriffen aufgenommen. Im Mai 1868 schrieb Brahms während eines Besuchs bei seinem Vater in Hamburg den Satz V mit dem Sopransolo, welcher an einer Privataufführung in Zürich im September 1868 gespielt vom Tonhalle-Orchester und gesungen vom Gemischten Chor erstmals ertönte. Die Uraufführung des kompletten Werkes schliesslich erfolgte  am 18. Februar 1869 im Gewandhaus Leipzig.

Mit dieser seine Zeit überragenden Tonschöpfung schuf Brahms eine Trauermusik, welche seit fast anderthalb Jahrhunderten die Hörenden unabhängig von ihrer Glaubensrichtung tief berührt und Leidtragende stärkt.

 *Zitate entnommen aus „Johannes Brahms in Dokumenten zu Leben und Werk, zusammengestellt von Willi Reich, Manesse Verlag, Zürich 1975

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©opyleft Monday 16. Dec 2002, 12:00, by Daniel Schönenberger <dsbg@laudate.ch>
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