Das Stabat mater ist eine der zahlreichen Marienklagen, wie sie im Mittelalter
den Höhepunkt aller Passionsdarstellungen bildeten. Es stammt wohl aus der
zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und wird heute dem 1306 verstorbenen
Franziskanermöch Jacopo da Todi (am mittleren Tibertal gelegen) zugeschrieben.
Ursprünglich als Reimgebet für die persönliche Betrachtung verfasst,
wurde es seiner Beliebtheit wegen 1727 ins offizielle Messbuch aufgenommen und als
Sequenz für das "Fest der sieben Schmerzen Mariä" in der Freitags-Liturgie
vor Palmsonntag rezitiert. Darüber hinaus erfuhr es zahlreiche Nachdichtungen
(bis hin zu Goethes Faust: "Ach neige, du Schmerzensreiche"). Aus ihm spricht die
mittelalterliche mystische Frömmigkeit eines Bernhard von Clairvaux.
Ausgangspunkt für die kunstvolle Dichtung ist das Johannesevangelium
(Joh. 19,25ff.): "Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner
Mutter Schwester, Maria, die Frau des Kleophas, und Maria von Magdala. ..."
Das Gebet zur stillen Andacht spiegelt, auch in seinen zahlreichen Ich-Aussagen, die
innig mitfühlende Anteilnahme der gläubigen Seele am Leiden Christi und
dem seiner Mutter (compassio). Maria, die Magna Mater der christlichen Kirche, bleibt
in ihrer unmittelbaren Menschlichkeit die Zuflucht aller Gläubigen, selbst nach
der Reformation (Ave Maria, ora pro nobis). Noch Luther und Zwingli zählen zu
ihren Verehrern. Durch die Mutter werden Jesu Leiden und Sterben menschlich; für
uns ist er gestorben, und Maria als Vorbild zeigt uns, was das bedeutet
heilsgeschichtlich und für jeden Einzelnen. Der Text lädt ein zum
Nachdenken und zur Meditation über Leid und Tod, Vergänglichkeit und
ewiges Leben.
Zahlreiche Komponisten fühlten sich von den starken Bildern des Gedichts zur
Vertonung angeregt: der Meister der römischen Kirchenmusik, Palaestrina
(1594 in Rom gestorben); der als Instrumentalkomponist bekannte Domenico Scarlatti
(1757 gestorben); der todkranke Pergolesi (1736 in Pozzuoli gestorben);
1767 der junge Haydn; der tschechische Nationalkomponist Antonin Dvorak, der
(1876) sein grosses Stabat mater auf den Tod seines Töchterchens Josefa
komponierte; der Opernkomponist Rossini (t 1868 in Paris); der Opernkomponist
Giuseppe Verdi (1896) in Zusammenhang mit Krankheit und Tod seiner
Lebensgefährtin Giuseppina Strepponi (Quattro pezzi sacri); und im 20.
Jahrhunder:1968 der norwegische Lutheraner Knut Nystedt (1915 in Oslo geboren);
der Pole Krysztof Penderecki (*1933)