Marienvesper

 

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Entstehung Marienvesper

Marienvesper –
Die Beilage zu einem Bewerbungsschreiben,
welches die Welt veränderte

Wir schreiben Ende 1608.

Claudio Monteverdi ist am Hof von Mantua angestellt.
Sein Arbeitgeber ist der fünf Jahre ältere Vincenzo Gonzaga, Herzog von Mantua. Monteverdi, 41-jährig, wohnt aber im Moment bei seinem Vater in Cremona; denn er hat sich, nachdem er 1607 „L’Orfeo“ und 1608 „L’Arianna“ und „Il Ballo delle Ingrate“ komponiert, einstudiert und aufgeführt hat, erschöpft und krank an Leib und Seele in seine Vaterstadt zurückgezogen. Ein Jahr zuvor ist seine Frau Claudia, Sängerin am Hof, nach kurzer Krankheit gestorben. Nach acht Jahren Ehe bleibt Monteverdi mit den beiden Söhnen, dem 7-jährigen Francesco und dem 3-jährigen Massimiliano, allein zurück.

Ende November erhält er einen Brief aus Mantua mit dem Befehl, unverzüglich an die Arbeit zurückzukehren. Er nimmt all seinen Mut zusammen und schreibt zurück. „...Ich aber sage, dass, wenn ich mich von den Strapazen des Musiktheaters nicht erhole, mein Leben sicherlich kurz sein wird, denn ich habe mir derartige Kopfschmerzen und einen so starken und bösartigen Juckreiz an der Hüfte zugezogen, dass kein noch so starkes Medikament Linderung verschaffen kann...“. Weiter beklagt er sich über die unerfreuliche Situation am Hof, über mangelnde Anerkennung und schlechte Besoldung.

Unter anderem schreibt er, dass ihm die Ehre, 1595 als Musiker am Feldzug des Herzogs in Ungarn teilnehmen zu dürfen, Kosten gebracht habe, die er selbst zu tragen habe und seinen Haushalt immer noch belasteten. Die Gunst, 1599 im Gefolge des Herzogs nach Flandern zu reisen, habe es damals mitgebracht, dass er als Frischvermählter seine Frau Claudia zu Hause habe lassen müssen. Ausserdem habe er die Ehre, für die Fürstenhochzeit den „Orfeo“ zu schreiben, mit seiner Gesundheit bezahlt, ohne von „Ihrer Erlaucht eine öffentliche Gunstbezeugung zu erhalten“. Er hat zwar ein besonderes Gewand für die Feierlichkeiten bekommen, aber selber für teures Geld noch Accessoires dazu kaufen müssen. Als Claudia stirbt, verspricht der Herzog, ihr Gehalt weiterhin auszuzahlen; es bleibt aber wie so oft bei leeren Worten.

Die Liste der Unzufriedenheiten ist lang geworden, der Schmerz Monteverdis über die letzten 19 Jahre Dienst in Mantua gross. Er bittet um eine ehrenvolle Entlassung, „...denn mir scheint, das ist das Beste von Allem, weil ich dann Luft, Arbeit und Schicksal verändern kann und im schlimmsten Fall so arm bleibe wie ich jetzt bin.“

Der Herzog lenkt nicht ein, lässt sich jedoch erweichen und bietet ihm ein höheres Gehalt an. Monteverdi bleibt noch bis im September 1609 in Cremona und kehrt dann an den Hof von Mantua zurück. Er schaut sich aber nach einer neuen Anstellung um.

Im Herbst 1610 reist er nach Rom. Im Gepäck führt er die Marienvesper mit. Sie ist dem amtierenden Papst Paul V. gewidmet. Er möchte ihm das Werk persönlich übergeben und dabei seine Dienste anbieten. Aber er kehrt erfolglos heim.

Etwas mehr als ein Jahr später, im Februar 1612 stirbt Vincenzo Gonzaga. Er hinterlässt seinem Bruder Francesco das zerrüttete und hochverschuldete Herzogtum. Dieser versucht Ordnung ins Staatswesen zu bringen und im Zuge seiner Sparmassnahmen entlässt er Monteverdi im Juli aus dem Hofdienst.

Der arbeitslose Monteverdi lässt sich einmal mehr bei seinem Vater in Cremona nieder. Und nun geschieht das Unerwartete, das sein Leben von Grund auf verändern wird: In Venedig stirbt im Juli 1613 der Kapellmeister von San Marco. Monteverdi meldet sich und es kommt zu einem Probegottesdienst, in dem er Teile aus der Marienvesper aufführt. Aus Zeitnot verwendet er die ‚alte’ Komposition, die ihm vor drei Jahren keinen Erfolg gebracht hat. Der 19. August 1613 ist nun der Wendepunkt:

„Die Hochwohlgeborenen Prokuratoren haben in ihrem Willen, einen neuen Kapellmeister für den Markusdom zu wählen, an den Hochwohlgeborenen Gesandten in Rom, an alle Hochwohlgeborenen Regenten der Terra Ferma und an die in Mailand und Mantua wohnhaften venezianischen Bürger geschrieben, um Auskünfte über Personen zu erhalten, die für dieses Amt qualifiziert wären. Aus den Antworten ist hervorgegangen, dass die Person des höchst ehrenwerten Herrn Claudio Monteverdi als erstrangiger Kandidat empfohlen wird. Die Prokuratoren haben die hohe Meinung von seinem Wert und seinen Qualitäten bestätigt gefunden, sowohl in den von ihm gedruckten Werken wie auch in denjenigen, welche sie in den letzten Tagen zu ihrer vollsten Zufriedenheit in der Kirche von San Marco von den hiesigen Musikern zu Gehör bekamen. Deshalb haben sie in einstimmiger Wahl beschlossen, dass der genannte höchst ehrenwerte Herr Claudio Monteverdi Kapellmeister von San Marco werde mit einem Jahresgehalt von 300 Scudi und den üblichen und gewohnten Zuwendungen.“

Damit beginnt für Monteverdi das Leben, das er sich gewünscht hat. Er wird 30 Jahre lang, bis zu seinem Tod im Jahre 1643, das traditionsreiche Amt ehrenvoll und meisterlich versehen.

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©opyleft Monday 16. Dec 2002, 12:00, by Daniel Schönenberger <dsbg@laudate.ch>
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